Beim Sturz eines Baumes auf ein Auto wurde am Nachmittag auf Fehmarn eine Frau getötet, wie die Polizei mitteilte. In den Kreisen Rendsburg-Eckernförde und Schleswig-Flensburg gibt es Evakuierungen. In Flensburg erreicht das Hochwasser eine Rekordmarke.
Die 33-Jährige, die auf Fehmarn ums Leben kam, lebte auf der Insel. Zu den genauen Umständen des Unglücks konnte die Polizei zunächst keine Angaben machen. Polizei und Feuerwehr hatten zuvor aus mehreren Orten Schleswig-Holsteins umgestürzte Bäume gemeldet. Die Schleswig-Holsteinischen Landesforsten warnten davor, die Wälder in diesen Tagen zu betreten. Im Regionalverkehr der Bahn in Schleswig-Holstein kam es zu zahlreichen Verspätungen wegen des Sturms. Zwischen Eckernförde und Kiel, Rendsburg und Kiel sowie Husum und Kiel stellte die Bahn den Verkehr am Abend ein.
Evakuierungen in Schleswig-Holstein angeordnet
Unterdessen sind in Schleswig-Holstein wegen der schweren Sturmflut Evakuierungen angelaufen. Die örtliche Gefahrenabwehrbehörde des Kreises Rendsburg-Eckernförde teilte am Freitagabend mit, dass die Bewohner in Eckernförde in den Bereichen Altstadt, Laugebrück, Lotte Straße und Jungfernstieg ihre Häuser und Wohnungen verlassen müssen. Die Menschen sollten den Rewe-Parkplatz in der Reeperbahn aufsuchen und würden von dort mit einem Busshuttle zu einer Unterkunft gebracht.
Auch in Brodersby, Ortsteil Schönhagen, läuft eine Evakuierung. Betroffen sind den Angaben zufolge die Straßen Weidengrund, Erlengrund, Günter-Remien-Ring, Am Holm und Zum Wiesengrund. Bei der Hamburger Sportjugend ist eine Notunterkunft eingerichtet.
Für die Gemeinde Maasholm im Kreis Schleswig-Flensburg ordnete der Landrat ebenfalls eine Evakuierung an. Sammelstelle ist das Feuerwehr-Gerätehaus. Einsatzkräfte hatten den Deich in dem 600-Einwohner-Ort zuvor aufgegeben. In der Schleistadt Arnis, die mit gerade einmal 300 Einwohnern als die kleinste Stadt Deutschlands gilt, seien zwei Deiche gebrochen. Dies habe aber keine Auswirkungen auf die Menschen.
Wasserstand in Flensburg bei 2,20 Metern
In Flensburg stieg der Wasserstand am Freitagabend gegen 22 Uhr auf einen Stand von 2,20 Meter über dem normalen Wasserstand. “Zuletzt gab es dort ein solches Hochwasser im Jahr 1904”, sagte Ines Perlet-Markus vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). In Eckernförde überschritt der Pegelstand laut den Hochwasser-Sturmflut-Informationen des Kieler Umweltministeriums am Abend mit 2,02 Metern ebenfalls die Zweimetermarke. Kurz darauf fiel der Pegel wieder leicht ab. Auch an der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern gibt es eine außergewöhnliche Hochwasser-Lage.
Das BSH erwartete den Scheitelpunkt der Sturmflut am Freitagabend. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) sollte der Sturm in der Nacht langsam abklingen.
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Günther: Keine Zeit für Katastrophentourismus
Ministerpräsident Daniel Günther hat die Schleswig-Holsteiner aufgerufen, sich besonnen zu verhalten und die Arbeit der Einsatzkräfte nicht zu behindern. “Dies ist nicht die Zeit für Katastrophentourismus”, erklärte der CDU-Politiker.
Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne) appellierte an die Küstenbewohner, sich gut zu informieren und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Mit einer möglichen Dauer von bis zu 40 Stunden könnte die Sturmflut deutlich länger anhalten als ähnliche Unwetterereignisse 2017 und 2019. Auch das schleswig-holsteinische Innenministerium rief die Bürgerinnen und Bürger per amtlicher Gefahrenmitteilung dazu auf, gefährdete Bereiche wie Garagen, Keller, Strände und Steilufer zu meiden.
Schleswig-Holstein: Viele Straßen unter Wasser
In Flensburg standen die Straßen am Hafen unter Wasser. Die Stadtwerke stellten aus Sicherheitsgründen in Teilen des Hafens den Strom ab. Betroffen seien die Straßenzüge Schiffbrücke, Norderhofenden von ZOB bis zum Nordertor, Hafenspitze und von Gosch bis zum Fischereiverein auf der Hafenostseite, teilte ein Sprecher der Stadt mit.
Auch in Kiel, Lübeck und Schleswig wurden etliche Straßen überflutet. In allen betroffenen Orten wurden Straßen in Wassernähe gesperrt. In der Lübecker Bucht war das Wasser am Mittag bereits an vielen Stellen über die Ufer getreten. Zudem blockierten Gegenstände und umgestürzte Bäume teilweise die Fahrbahnen in Lübeck und im Kreis Ostholstein. Polizei und Feuerwehr schleppten Fahrzeuge aus dem Gefahrenbereich und sperrten Straßen ab. Die Feuerwehr rief dazu auf, das Gebiet der Stadt Neustadt/Holstein wegen der andauernden Hochwasserlage großräumig zu umfahren.
Neben Flensburg und Kappeln ist auch Schleswig stark von der Sturmflut getroffen. Der südliche Innenstadtbereich ist komplett für den Fahrzeugverkehr gesperrt. Die Stadtwerke bemühen sich, die Stromversorgung aufrecht zu erhalten. Im Kreis Schleswig-Flensburg waren Zehntausende Sandsäcke an die betroffenen Ämter und Gemeinden ausgeteilt worden.
Überflutungen drohen ebenfalls an den Ostsee-Stränden. Spaziergänger sollten besonders vorsichtig an den Steilküsten sein – dort könnte es bei starken Wellen und hohen Wasserständen zu Abbrüchen kommen.
In Kiel musste die Polizei zu zahlreichen Einsätzen ausrücken. Betroffen waren vor allem Schilksee und der Tiessenkai in Holtenau. Dort seien viele geparkte Autos nicht rechtzeitig weggefahren worden, sagte eine Polizeisprecherin. Bei Fehmarn wurden am Morgen zehn Menschen und ein Hund durch die Seenotrettung von mehreren Hausbooten gerettet, wie die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger mitteilte. Die Stege zu den Booten waren bereits überflutet. Bei Heringsdorf südlich von Fehmarn wurden mehrere Campingplätze und eine Ferienhausanlage evakuiert, da das Hochwasser fast die Krone des Deichs erreicht habe.
Mecklenburg-Vorpommern: Wismar am stärksten betroffen
In Mecklenburg-Vorpommern ist Wismar am stärksten betroffen. Aber auch in Warnemünde und im Nordosten des Bundeslandes wurden Vorkehrungen getroffen. Zahlreiche Strände wurden komplett überspült, wie beispielsweise in Heiligendamm. Wie die Reederei Scandlines am Freitag mitteilte, musste wegen extrem starker Ostwinde der Fährbetrieb auf den Strecken Puttgarden-Rødby und Rostock-Gedser vorübergehend eingestellt werden.
Westlich und östlich von Rügen muss bis Mitternacht mit Wasserständen von bis zu 1,50 Metern über dem Normalwert gerechnet werden. Im Greifswalder Bodden können Werte bis zu 1,50 Meter erreicht werden, am Stettiner Haff bis zu 1,0 Meter.
Backhaus: Nicht unnötigen Gefahren aussetzen
Der für Küstenschutz zuständige Minister Till Backhaus (SPD) rief die Menschen in den betroffenen Gebieten zur Vorsicht auf. “Auch wenn diese Sturmflut zumindest für den überwiegenden Teil der Küste Mecklenburg-Vorpommerns nach den aktuellen Prognosen nicht als schwere Sturmflut einzuordnen ist, bitte ich darum, die durch Hochwasser und Seegang gefährdeten Bereiche insbesondere in den Nachtstunden zu meiden und sich nicht unnötigen Gefahren zum Beispiel bei der Bergung von Sachgegenständen auszusetzen”, sagte er am Freitagabend.
Orkanartige Böen an den Küsten – Bahnverkehr beeinträchtigt
Der Grund für die Überflutungen ist ein Sturmtief über der Ostsee. “Wir haben es mit einem stabilen Windfeld zu tun, das die gesamte Ostsee in Bewegung bringt”, erklärte BSH-Expertin Perlet-Markus dazu. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) gab eine amtliche Unwetterwarnung vor orkanartigen Böen an Teilen der Ostseeküste, auf Helgoland, den Ostfriesischen Inseln und Rügen heraus. Sie gilt bis in die Nacht zu Sonnabend. Demzufolge muss mit Böen um 110 Kilometern pro Stunde gerechnet werden. “Bis etwa zwei Uhr nachts sind an der Ostseeküste und den Inseln orkanartige Böen möglich, sagte DWD-Meteorologin Anne Wiese.
Dänemark: Evakuierungen und Stromausfälle
Die Sturmflut hatte auch an den bei Urlaubern beliebten Küsten im Süden und Osten Dänemarks zu Stromausfällen und Evakuierungen geführt. Die Polizei forderte Anwohner und Urlauber am Freitagnachmittag dazu auf, die Gegend um Sandersvig Strand sofort zu verlassen. In der Sommerhaussiedlung nahe Haderslev (Hadersleben) in Südostjütland war demnach ein Deich gebrochen. Auch auf der Insel Møn im Südosten Dänemarks wurden die Bewohner einer Sommerhausgegend gebeten, ihre Häuser zu verlassen. Etwa 200 dänische Haushalte waren am Freitagnachmittag vom Stromnetz abgeschnitten.
Fährausfälle wegen Niedrigwasser
Insulaner und Herbst-Urlauber an der niedersächsischen Nordseeküste müssen sich in den kommenden Tagen dagegen auf Verschiebungen und Ausfälle bei Fähren von und zu den Ostfriesischen Inseln einstellen. Dort werden wegen des Ostwinds deutlich niedrigere Wasserstände erwartet. In Cuxhaven etwa wurden Wasserstände von mehr als 1,50 Meter unter dem sonst üblichen mittleren Niedrigwasser erwartet, wie das BSH mitteilte. Den Angaben zufolge sank der Wasserstand an der deutschen Nordseeküste in den vergangenen 25 Jahren nur drei Mal unter den Wert von 1,50 Metern unter dem mittleren Niedrigwasser – zwei Mal im März 2018 und ein Mal im November 2022. Deswegen können die Fähren zum Teil nicht mehr fahren.
Zu den Inseln Juist, Baltrum und Spiekeroog etwa wurde der Fährverkehr komplett eingestellt. Fähren von und nach Wangerooge fahren bis einschließlich Sonnabend nicht. Auch für Sonntag sei wegen des kräftigen Ostwinds mit weiteren Einschränkungen zu rechnen, teilte der Betreiber Deutsche Bahn mit. Geänderte Abfahrten oder Ausfälle melden Fährgesellschaften entlang der Küste auch für die Inseln Borkum, Norderney und Langeoog. Die Elbfähre Glückstadt-Wischhafen stellte ihren Betrieb am Freitag ebenfalls komplett ein.
Das Niedrigwasser behinderte am Abend die Fahrt des Fährschiffes “Langeoog III”, das mit Passagieren von der Insel Langeoog unterwegs war. Etwa zwei Kilometer vor dem Festlandhafen Bensersiel musste das Schiff Halt machen, weil das Fahrwasser nicht mehr tief genug war. Voraussichtlich kann das Schiff seine Fahrt erst mit einsetzender Flut in der Nacht beziehungsweise in den frühen Morgenstunden fortsetzen.
Nord- und Ostseeinseln von Ausfällen betroffen
Auch an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste sollen die Wasserstände bis Sonnabend deutlich unter den Normalwerten liegen. Daher haben die Reedereien für die Verbindungen zu Inseln und Halligen Ausfälle und Verschiebungen angekündigt. Betroffen sind unter anderem Föhr, Amrum und Pellworm.
An der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern kündigte die Reederei Hiddensee an, am Freitag den gesamten Fährbetrieb einzustellen. Auch auf den Linien Rostock-Gedser sowie Puttgarden-Rodby der Fährreederei Scandlines fallen alle Abfahrten am Freitag aus. Auch die erste Abfahrt um 0.45 Uhr am Sonnabendmorgen wurde abgesagt.
Barkassen in Hamburg können nicht fahren
Aufgrund von Niedrigwasser mussten auch in Hamburg viele Barkassenbetreiber und -betreiberinnen ihren Verkehr einstellen. Auch die Fährverbindungen der Hadag sind davon betroffen. Es muss mit erheblichen Einschränkungen gerechnet werden. Der Wasserstand am Pegel St. Pauli soll laut Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie sogar bis zu 2,5 Meter unter dem mittleren Niedrigwasser liegen.
Wetterbesserung erst am Montag in Sicht
Eine deutliche Wetterbesserung ist in den nächsten Tagen kaum in Sicht. Zwar lässt der Wind zum Sonnabendmorgen nach, “allerdings zieht immer wieder Niederschlag auf”, prognostiziert Tobias Schaaf vom DWD. Die Sonne werde kaum eine Rolle spielen, es wird aber milder mit Temperaturen von 14 bis 16 Grad. Ein etwas freundlicheres Intermezzo gibt es erst am Montag. Viel Hoffnung auf dauerhafte Besserung macht der DWD aber nicht: Kommende Woche soll es wechselhaft bleiben.
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NDR Fernsehen | NDR Info | 20.10.2023 | 23:00 Uhr